#143 Die Nacht der Radieschen

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#143 Die Nacht der Radieschen
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Wenn du denkst, dass du alle Weihnachtstraditionen kennst, dann kommt jetzt vielleicht eine Überraschung: Am 23. Dezember wird in der mexikanischen Stadt Oaxaca ein ganz besonderes Fest gefeiert – die „Noche de los Rábanos“, auf Deutsch „Nacht der Radieschen“. Ja, du hast richtig gehört – ein Fest zu Ehren des Radieschens! Klingt seltsam? Vielleicht. Aber dahinter steckt eine faszinierende Mischung aus Kunst, Geschichte und Kultur, die jedes Jahr tausende Besucher anzieht. Wir schauen uns diesen spannenden Feiertag an und du lernst ganz nebenbei Deutsch. Los geht’s!

Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Festes beginnt bereits im 16. Jahrhundert, also in der Zeit, als spanische Mönche und Kolonialherren nach Mexiko kamen. Sie brachten viele Pflanzen aus Europa mit – darunter auch das Radieschen. Was Radieschen sind?  Radieschen sind kleine, runde Wurzelgemüse, die zur Familie der Kreuzblütler gehören – also mit Kohl, Senf und Rettich verwandt sind. Sie haben eine rote Schale, sind innen weiß und schmecken leicht scharf oder pfeffrig. Ihren besonderen Geschmack verdanken sie Senfölen, die übrigens auch sehr gesund sind. Radieschen wachsen schnell, oft schon nach wenigen Wochen, und werden in vielen Ländern als Frühlings- oder Sommersnack gegessen – roh im Salat, auf Brot oder einfach mit etwas Salz. In Mexiko sind sie allerdings viel größer als in Europa, was sie perfekt zum Schnitzen für die „Nacht der Radieschen“ macht. Die Bauern in Oaxaca pflanzten damals also die kleinen roten Wurzeln in großer Zahl an. Auf den Weihnachtsmärkten wollten sie ihre Waren besonders schön präsentieren – also begannen sie, aus Radieschen kleine Figuren und Szenen zu schnitzen. Mit der Zeit wurde daraus eine Tradition, und im Jahr 1897 erklärte die Stadt Oaxaca den 23. Dezember offiziell zum Feiertag: zur Noche de los Rábanos.

Heute verwandelt sich der zentrale Platz von Oaxaca jedes Jahr kurz vor Weihnachten in eine bunte Ausstellung aus Radieschenkunst. Die Teilnehmer – darunter Kinder, Familien und professionelle Künstler – schnitzen tagelang an ihren Werken. Die Radieschen werden in Wasser eingelegt, damit sie länger frisch bleiben, und dann kunstvoll gestaltet: Szenen aus dem mexikanischen Alltag, Weihnachtliche Motive wie Maria und Josef, traditionelle Tänze und Legenden oder auch Tiere, Pflanzen und Fantasiefiguren.

Die Radieschen in Oaxaca sind übrigens nicht für den Verzehr gedacht, sondern werden extra für das Fest gezüchtet. Sie sind viel größer und härter als die kleinen, knackigen Radieschen, die man in Europa oder in Salaten kennt. Damit die Künstler daraus schnitzen können, lässt man die Pflanzen länger wachsen als normal – dadurch werden sie verholzt, also fester im Inneren. Das macht sie perfekt zum Schnitzen von Figuren, aber ziemlich ungenießbar, weil sie zu holzig und bitter schmecken.

Zum Schluss findet ein großer Wettbewerb statt, bei dem die schönsten Kunstwerke ausgezeichnet werden. Die Preise sind nicht nur symbolisch – viele Gewinner erhalten Geld oder Ausstellungen in der Region. Aber keine Sorge – auch die Nicht-Gewinner profitieren indirekt. Die Radieschen werden oft an Künstler, Schulen oder Organisationen verkauft, die die Figuren schnitzen. Außerdem zieht das Fest tausende Besucher nach Oaxaca, was Hotels, Restaurants und Märkte ankurbelt. So bringt das kleine, ungewöhnliche Gemüse der Region Bekanntheit und wirtschaftlichen Nutzen, auch wenn es nicht auf den Tellern landet.

In den USA gibt es ähnliche Feste, wo Kürbisse geschnitzt werden zum Erntedankfest (also Thanksgiving). Andere Regionen Mexikos übernahmen das Fest übrigens nicht, weil es sehr eng mit der lokalen Identität Oaxacas verbunden ist. Dort gilt das Radieschen fast als Symbol der Stadt, während in anderen Teilen des Landes andere Bräuche, Tänze oder Speisen im Mittelpunkt stehen.

So ist die „Nacht der Radieschen“ heute ein echtes Kulturerbe von Oaxaca – einzigartig, traditionell und weltweit bekannt, aber immer noch tief regional verwurzelt. In Deutschland verbinden wir die Weihnachtszeit eher mit Tannenbäumen, Lichtern und Schnee. In Mexiko dagegen spielt Farbe, Musik und Fantasie eine größere Rolle. Beide Kulturen haben aber etwas gemeinsam: Sie feiern Kreativität und Gemeinschaft.

Während man in Deutschland Plätzchen backt oder Weihnachtsmärkte besucht, treffen sich die Menschen in Oaxaca, um gemeinsam zu schnitzen, zu lachen und das Jahr ausklingen zu lassen. So zeigt die Nacht der Radieschen, dass Weihnachten überall anders aussieht – aber es überall um Freude, Kunst und Miteinander geht. Die „Noche de los Rábanos“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Tradition, Kunst und Natur miteinander verschmelzen können. Was als einfache Idee begann – ein paar geschnitzte Radieschen auf dem Markt – ist heute ein Symbol für mexikanische Kreativität und kulturelle Identität.

Vielleicht denkst du jetzt beim nächsten Radieschen im Salat kurz an Oaxaca – und daran, dass hinter jedem Fest eine Geschichte steckt. Ich wünsche dir schöne Feiertage, viel Spaß beim Deutschlernen – und vielleicht auch ein kleines bisschen Mut zur Kreativität!

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